ADS – Kindheitserinnerungen?

Am Mittwoch Abend lief ein „netter“ Film im ARD. An sich sehe ich die öffentlich-rechtlichen Sender eher selten. Aber die Thematik sprach mich an und es gab sonst nichts was mir behagte.

Inhalt kurz zusammengefasst:

Merle besucht die 6. Klasse eines Gymnasium. Sie hat noch eine Halbschwester (Lea), die im Teenageralter ist. Beide Kinder haben die selbe Mutter, aber nicht den selben Vater. Die Mutter ist mit dem Vater von Merle verheiratet, der aber Lea von Geburt an kennt.

Merle ist nicht dumm, träumt aber gerne vor sich hin und vergisst dabei die Welt. U.a. deshalb schreibt sie schlechte Klassenarbeiten, weil ihr die Zeit nicht reicht. Die Eltern werden zum Gespräch gebeten und ihnen wird nahegelegt, Merle vom Gymnasium zu nehmen. Der Vater ist der Meinung, man will sein Kind nur los werden, weil es Arbeit macht. Die Mutter drängt darauf, zumindest mal einen Arzt zu fragen, weil sie der Meinung ist, ihr Kind hat da irgendwelche Probleme.

Der Kinderarzt schickt sie zur einer Therapeutin, die dem Kind ganz klar ADS diagnostiziert. Sie rät zu Medikamenten und Therapie. Die Eltern lehnen Medikamente ab.

Nun konzentriert sich alles auf Merle. Es wird täglich mit ihr geübt, nach einem Zeitplan. Über Belohnungen soll das Kind animiert werden, sich bewusst zu werden, wofür es lernt. Dabei bleibt Lea auf der Strecke, die Arbeit der Eltern (selbstständig als Architekten oder so), die Ehe der Eltern usw. Der Vater zweifelt an sich, weil Lea ja gesund ist, sein Kind aber nicht. Die Mutter will ohne Medikamente arbeiten und orientiert das komplette Leben an Merle, Lea sieht nur noch, dass sich alles um Merle dreht und jeder Einwand wird von der Mutter bei Seite geschoben. Und Merle steht dazwischen. Fühlt sich „Krank“, „gebrandmarkt“ etc. Die Oma (Mutter der Mutter) empfindet ADS als Modediagnose usw. Unterstützt die Familie aber teilweise.

Die Mutter bricht zusammen, kommt ins Krankenhaus, Lea haut ab…. die Eltern streiten. Beide Kinder (Lea wurde von der Polizei zurück gebracht) hören das. Und alle, wirklich alle 4 sind am Ende ihrer Kräfte.

Der Film war generell recht gut gemacht. Mich hat ein wenig verwundert, dass man das erst in der 6. Klasse bemerkt und noch dazu die Eltern scheinbar noch nie was von ADS und ADHS gehört haben. Die Eltern lehnen Medikamente ab. Namen werden keine genannt, aber mir war klar, dass es um Ritalin gehen muss. Ich kann verstehen, dass die Eltern sich wehren. Sie wehrten sich aber bereits, als sie noch nichts über das Medikament wussten. Ich selbst halte die Gabe von Ritalin für nicht unbedenklich, aber gleichzeitig auch teilweise für sinnvoll.

Nun zu meinen Gedanken und zu mir :-)

Ich war genau so ein Kind. Träumerchen de Luxe. Ich kann mich erinnern, dass in der Grundschule die Lehrerin bei Aufsätzen zu mir gesagt hat, ich soll endlich mal anfangen und das mehr als einmal. Es wurde in dem Film gezeigt, wie schnell sich Merle ablenken lässt durch Kleinigkeiten. Bsp. Ein Klassenkamerad spielt mit seinem Stift. Sie beobachtet den Stift. Die Szene kenne ich nur zu genau. Ich hab letzte Weihnachten eine Kugelbahn verschenkt. Ich hätte sie am liebsten selbst behalten, weil ich stundenlang dabei zuschauen könnte, wie die Kugeln nach unten rollen.

Ich habe 2007 eine ADS Diagnostik machen lassen. Kurz vor dem Tod meiner Mutter, bzw. überschnitt sich das dann. Die Ärztin wollte Auskunft zu meiner Kindheit, die ich nicht geben konnte. Wollte einen Elternfragebogen. Den haben ich mitgenommen und dachte mir, ich nehme den am Sonntag mit ins Hospiz zu meiner Mutter, wenn mein Vater auch da ist und wir füllen den gemeinsam aus. An diesem Sonntag verstarb meine Mutter.

Mein Vater konnte mir keine Auskunft geben. Weil er sich eben gar nicht um uns gekümmert hat und das alles Mama gemacht hat. Daraufhin bin ich mit dem Fragebogen in meinen Kindergarten. Denn dort war ich immerhin vom 3. Geburtstag bis nach dem 11. Geburtstag. Eine der Erzieherinnen erzählte mir in dem Zusammenhang, man habe meiner Mutter schon im Kindergarten gesagt, sie soll mit mir mal professionelle Hilfe suchen. Was sie ablehnte. Das tickt seit dem ständig in meinem Kopf. Wie groß wären die Chancen, dass ich heute gesund wäre?

Die Erzieherinnen konnten mir auch nur zum Teil Auskunft geben, immerhin lag das über 20 Jahre zurück. Andere Verwandte gab es in dem Sinne nicht, da wir doch recht abgeschottet aufwuchsen.

Wäre ich in der heutigen Zeit aufgewachsen, wäre ich schon als Kind behandelt worden. Denn irgendwer hätte eingegriffen. Damals machte man das noch nicht. Bzw. nur in sehr extremen Fällen.

Meine Mutter hätte mir allerdings ohne lange Diskussionen Ritalin gegeben. So was wurde nie hinter fragt. Sich mit mir auseinander gesetzt, wie Merles Mutter es getan hat, hätte man sich mit mir auch nicht. Und man hätte mir ständig Vorwürfe gemacht. Btw. das war etwas was ich an dem Film sehr schön fand, dass man Merle keine Vorwürfe machte.

Ich frage mich, warum meine Mutter nie mit mir zum Arzt ist. Bzw. ihr war schon bewusst das ich „anders“ bin. Weil ich eben nicht ins Bild passte usw. Ich kann mich erinnern, dass mein Bruder oft Kopfschmerzen hatte und man mit ihm zu x Ärzten ging. Aber das war was greifbares. Ich war einfach nur ungezogen usw.

Ich saß mit einem großen WARUM MAMA vor dem Fernseher. Ich werde den Gedanken nicht los. Warum hat sie sich um mich nicht so gekümmert, wie um meinen Bruder? Wobei, wenn man mir sagen würde, mein Bruder hätte in seiner Kindheit ADHS gehabt, dem würde ich zustimmen. Ich denke, wenn bei ihm mal eine Borderline- Diagnostik gemacht werden würde, dann würde er die Diagnose auch haben. Allerdings denke ich auch, Borderline muss kein Problem sein, wenn man Menschen hat, die hinter einem stehen. Und die hat mein Bruder eben.

Ach ja das Ergebnis der ADS Diagnostik war „witzig“. Die Ärztin, die den Test mit mir machte, wollte mich an sich sofort in einer ADS Gruppe für Erwachsene unterbringen. Sagte das dann kurzfristig ab. Dem Ergebnis turnte ich monatelang hinter her. Man erklärte mir nichts. In dem Arztbericht dazu steht, dass ich wahrscheinlich in der Kindheit ADS hatte, es aber nicht gehabt haben könnte, weil ich zu viel gelesen habe. Es könnte sein, dass ich auch jetzt ADS habe oder auch nicht. Der IQ Test fiel recht gut aus, was mich nicht verwunderte, aber neue Wunden auf riss. Und hätte ich gewusst, dass ein IQ Test gemacht wird, hätte ich auf die komplette Diagnostik verzichtet. Denn ich frage mich auch hier, warum ich nie gefördert worden bin und immer als Dummchen behandelt wurde. Immerhin durfte ich auch kein Abi machen, weil ich ja ein Mädchen bin und eh mal heiraten und Kinder bekomme.

Der letzte behandelnde Arzt tat ja eh alles mit: Das ist alles Borderline! ab. Ich glaube die Testung habe ich bei ihm nur kurz mal angesprochen. Hat ihn auch nicht weiter interessiert. Anna meinte auch: Das ist alles Borderline! und sagte mir an sich auch klar, dass sie keine Lust auf Diagnostik hat, weil zu aufwendig.

Wisst ihr, ich würde es gerne hinterfragen, warum meine Mutter nie was getan hat… aber im Endeffekt habe ich mit Behandlern die selben Erfahrungen gemacht. Bilde ich mir wirklich alles nur ein?

 

Advertisements

12 Gedanken zu „ADS – Kindheitserinnerungen?

  1. Hallo,
    den Film habe ich mir auch angeschaut, fand ihn allerdings nicht so wirklich gut gemacht. Sicherlich stellt er die Problematik ADS sehr gut dar. Lässt aber nahezu unerwähnt, dass selbige Anzeichen auch bei anderen Grundproblematiken auftreten können. Nur in dem Gespräch mit der Therapeutin wird es eher nebenbei erwähnt, in der Frage danach, ob Merle kürzlich eine Bezugsperson verloren habe oder anderweitigem Stress ausgesetzt sei. Fakt ist, dass Unkonzentriertheit, Träumerei, sich in Geräusche „hineinflüchten“ allesamt auch Folgen von Traumatisierung und Anzeichen für dissoziatives Verhalten sein können.
    Wollte ich einfach mal so klargestellt haben.
    Obendrein ist es nicht so, dass Methylphenidat (wie der Wirkstoff u.a. in Ritalin heißt), ein „Heilmittel“ ist. Es sorgt lediglich dafür, dass der Filter, der bei AD(H)Slern nicht funktioniert, besser funktionieren kann und dadurch bedingt keine Reizüberflutungen auftreten. Und nicht jeder verträgt diesen Wirkstoff gut. Aber auch nicht bei jedem betroffenen Kind oder Erwachsenen ist es gut und sinnvoll medikamentös zu behandeln.

    Deine Wut über das Verhalten deiner Mutter ist verständlich. Denn was wäre wenn sie anders gehandelt hätte? Auch das wurde im Film nicht gut deutlich. Der Vater hatte genau dieses Problem was oft bei psychischen Auffälligkeiten der Kinder auftritt. Er fühlte sich schuldig, denn Merle war eben seine Tochter, hatte seine Gene und womöglich das ADS von ihm geerbt. Bei psychischen Auffälligkeiten haben Eltern oft Angst, verantwortlich gemacht zu werden, schuldig gesprochen zu werden. Vielleicht ging es deiner Mutter ganz ähnlich.
    Doch auch eine Borderline-Störung hat ja einen Grund, eine Ursache. Und die liegt generell in traumatischen Kindheitserlebnissen, ganz egal wie sie geartet sind. Z.B. hätte sowohl eine Überbehütung als auch eine Vernachlässigung zu Auffälligkeiten geführt. Borderline an sich, als komplexe Persönlichkeitsstörung, ist erst im beginnenden Erwachsenenalter vorhanden. Aber Auffälligkeiten treten natürlich schon viel früher auf.
    Fakt ist, dass du heute nicht „gesund“ wärst, hättest du als Kind Medikamente bekommen. Manchmal wächst sich AD(H)S in der Pubertät sozusagen aus. Das ist aber eher die Ausnahme und auch sehr fraglich, ob die Diagnose dann zuvor zutreffend war. Es hätte dir, wenn du es denn dann vertragen hättest und es überhaupt gewirkt hätte, dazu verholfen, dich besser konzentrieren zu können. Du hättest bessere Noten haben können, die aber egal gewesen wären, wenn deine Mutter dich eh nicht aufs Gymnasium gelassen hätte. Und du hättest ganz sicher bessere Erfahrungen mit sozialen Kontakten machen können. Aber an den Grundproblemen hätte sich nichts verändert.

    Im Übrigen ist es nahezu unmöglich, im Erwachsenenalter AD(H)S und Borderline zu unterscheiden. Bei bekannter Traumatisierung in der Kindheit wird generell eher von Borderline ausgegangen. Deshalb ist auch der ADS Test ohne klare Aussage geblieben, das ist zumindest zu vermuten.

    Ich wünsche dir viel Mut dabei, deinen eigenen Weg zu dir selbst zu finden, frei von Schubladen in Form von Diagnosen.

    Liebe Grüße

    • Danke für deinen Kommentar.

      Ich sehe Ritalin nicht als Allheilmittel. Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass ich es nicht grundsätzlich ablehne, wie es oftmals gemacht wird. Würde ich für mein Kind vor der Entscheidung stehen, würde ich das Für und Wieder abwägen.

      Klar hatte meine Mutter generell Angst, dass ihr Kind irre ist. Mir ging es an dem Punkt auch weniger um die ADS Thematik. Fakt ist, dass ich als Kind schon anders war. Leider nicht so extrem, da uns früh beigebracht wurde, dass andere nichts wissen dürfen. Ich denke aber, gerade was die Borderline Diagnose betrifft, hätte ich mich anders entwickelt, wenn ich professionelle Unterstützung gehabt hätte und nicht generell damit aufgewachsen wäre, psychische Probleme gibt es nicht und zum Irrenarzt etc geht man nicht.

      Ich wäre auch nicht gesund, wenn ich damals Medikamente bekommen hätte. Ich meinte hier, meine Mutter hat das nie hinter fragt, sondern eben einfach gegeben.

      Ich denke wenn meine Noten besser gewesen wären, hätte ich vielleicht das Abitur machen dürfen? Ich weiß es nicht. Ich habe nach meiner Ausbildung die Fachhochschulreife noch gemacht. Hätte auch das Abitur noch dran gehängt, hatte aber keine zweite Fremdsprache, Probleme mit Englisch und hätte die zweite Fremdsprache mit durchs Abitur schleppen müssen. Mit Fachhochschulreife studieren und dann von der FH auf eine Uni wechseln war mir zu kompliziert. Und es spielten auch klar noch andere Faktoren rein, warum ich damals wieder in den erlernten Beruf eingestiegen bin.

      Die testende Stelle wusste zwar das ich Borderline habe, ich besuchte dort auch eine Skillsgruppe (die allerdings nicht lief wie sie laufen sollte, wie ich heute weiß), aber eine Diagnostik wurde dort ebenfalls nie wirklich gemacht, außer dem Vorgespräch für die Skillsgruppe.

      Meine momentan behandelnde Ärztin zweifelt die Borderline-Diagnose an. Ich drücke es mal so aus, viele dieser Schubladen für Borderline kenne ich nur, weil man sie mir aufdrücken will, ich sie aber nie persönlich erlebt habe. Bei mir gibt es ganz viel halbes und nichts ganzes. Der ADS Bericht, da steht auch eher drin, man kann keine klare Diagnose geben, weil man keine Auskunft über die Kindheit bekommen kann. Die Borderline Diagnose wurde ja auch nie wirklich ausgetestet. Auslöser war wohl eher die Selbstverletzungen. Aber es gab weder einen richtigen sexuellen Missbrauch in der Kindheit, ich wuchs an sich relativ behütet auf (würden zumindest Lehrer und Kindergartenleute sagen), hatte alles usw. Und es gab keine bewusste Traumatisierung. Ich selbst habe da zwar eine Vermutung, aber diese Punkte waren nie irgendwo Thema.

      • Mir fällt ganz viel zu dem ein was du geschrieben hast. Doch ich merke auch, dass ich vorsichtig sein muss.

        Meines Erachtens gibt es weder einen richtigen noch einen falschen sexuellen Missbrauch. Jede kleine Berührung an intimen Stellen, jedes anzügliche Wort von einem Erwachsenen gegen ein Kind kann von dem Kind als Missbrauch erlebt werden. Völlig egal wie nichtig das in den Augen eines Erwachsenen scheint. Es ist keineswegs ungewöhnlich, sich als Erwachsener nicht an traumatische Erfahrungen zu erinnern oder sie als harmlos abzutun. Und auch nicht, dass von außen nichts gemerkt wurde. Solche Aussagen von anderen darüber, dass das Kind behütet aufgewachsen ist, taugen gar nichts. Denn in Familien, in denen Grenzüberschreitungen stattfinden, ist es absolut normal, dass nach außen alles bestens erscheint.
        Ich finde das sehr riskant, das Thema weiter zu vertiefen, weil es auf mich so wirkt, dass es gänzlich undenkbar für dich ist, anzunehmen, dass dir als Kind etwas geschehen sein könnte. Ich weiß, dass das auch Gründe hat. Z.B. die, dass die Seele noch nicht so weit ist, hinschauen zu können.
        Und mir ist auch ausreichend bekannt, dass viele Therapeuten es scheuen, mit Menschen, die als Borderliner gelten, aufarbeitend zu arbeiten. Das habe ich so auch selbst erlebt.
        Nur für heute ist es völlig egal, was in deiner Kindheit getan oder nicht getan wurde und ob deine Mutter sich hätte anders verhalten müssen. das hätte meine auch tun müssen, ganz klar. Aber heute bin ich verantwortlich für mein Leben, für das was ich jetzt daraus mache. Ganz egal was früher geschehen ist für das andere die Verantwortung zu tragen hatten.

  2. Sorry das ich jetzt erst antworte.

    Du kannst dich gerne näher dazu äußern :-).

    Ich habe mit der Diagnose Borderline versucht, meinen Eltern keinen Vorwurf zu machen. Ich will dieses der und der hat schuld nicht weiter vorführen. Etwas, was ich bei meinen Eltern immer als schlimm empfunden habe und heute noch empfinde. Hier im Blog beschreibe ich aber auch klar Phasen, in denen ich das Verhalten meiner Eltern eben nicht verstehe und eben doch irgendwie einen Schuldigen suche.

    Bzw. würde mir mein Vater heute nur antworten, ja das ist Mamas Schuld, weil sie usw. Und das ist eben auch ein Punkt, den ich mittlerweile nur schwer ertragen kann, wie er sich aus allem raus hält und egal was ist, immer Mama Schuld hat. Denn ich denke, zum Eltern sein gehören zwei usw.

    Ich empfinde mich als unfair, wenn ich eben nicht anerkenne, was meine Eltern alles für mich getan haben. Wie gesagt, materiell hatte ich fast alles. Das mir das zwischenmenschliche und emotionale fehlt/fehlte, wurde mir erst in den letzten Jahren bewusst. Aber ich habe auch immer wieder so Aussagen im Kopf, dass meine Eltern sich doch toll um mich kümmern, weil sie z.B. bei jedem Elternabend waren (zumindest meine Mutter). Ich aber weiß, dass meine Mutter da nur hin ging, weil man das eben so machte.

    Klar bin ich mittlerweile für mich selbst verantwortlich, was mir teilweise schwer fällt. Trotzdem schmerzen Momenten, in denen ich sehe, es hätte auch anders laufen können. Vor allem wenn einem die Mutter immer gesagt hat, wie viel sie doch für einen getan hat und was man alles hatte.

    Ob und wie weit innerhalb der Familie sexueller Missbrauch statt gefunden hat, weiß ich nicht. Ich vermute aber das da mal was gewesen sein muss, weil ich gerade was Sexualität angeht ziemlich komisch ticke. Ich weiß das im späten Teenageralter etwas stattgefunden hat, was ich als sexuellen Missbrauch erlebt habe. Tat ein behandelnder Arzt mit sexuelle Übergriffig und deshalb nicht so schlimm ab. Und man schon sagen, ich war ja an sich alt genug. Nur weiß ich für mich heute, dass ich in dem Alter einfach noch nicht so weit entwickelt war, wie ich es hätte sein müssen.

    Zu deinem Punkt mit Therapie und so. Mir wurde mehrfach gesagt, DBT beschäftigt sich nur mit dem Hier und Jetzt, nicht mit der Vergangenheit. Es seie auch falsch sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen.

    • DBT ist nur eine mögliche Therapierichtung, die letztlich nichts anderes ist als ein gezielt auf Menschen mit Borderlinestruktur ausgerichtetes verhaltenstherapeutisches Konzept. Und insoweit passt es auch, dass DBT sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigt.
      Aufarbeitung findet in allen möglichen tiefenpsychologisch ausgerichteten Therapieverfahren eher statt.
      Das es falsch ist, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, habe ich auch oft gehört. Doch zumeist war es eher die Angst der Therapeuten, ich könne nicht stabil genug sein, und sie mich nicht entsprechend stabilisieren. dann meiden sie es lieber hinzusehen.
      Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen kann ganz unterschiedliches beinhalten. Ein bloßes über die Kindheit sprechen macht es oftmals auch nicht besser. Aber wenn man als Kind Gefühle in sich eingesperrt hat, weil man nicht wusste, wie man sie aushalten könnte, dann hat das Folgen, die in der Gegenwart zu richtigen Problemen führen. In einer aufarbeitenden Therapie geht es darum, aus der Gegenwart heraus erkennen zu lernen welche Gefühle man empfindet. Herauszufinden ob diese Gefühle, gerade dann wenn sie der Situation unangemessen scheinen, an etwas erinnern, was als Kind erlebt wurde. Und schließlich das, was als Kind so unaushaltbar war, auf der Gefühlsebene, lernen zu steuern und damit auch aushaltbar werden zu lassen.
      Das alles bedeutete aber auch, dass man riskiert, in Gefühle zu rutschen, die sehr schlimm sind. Wenn nun ein Klient immer wieder in Suizidalität rutscht, scheuen sich die meisten Therapeuten, so zu arbeiten. Aber ich weiß, dass es möglich ist, auch die Ursachen für die immer wiederkehrende Suizidalität herauszufinden und damit besser umgehen zu lernen.

      Anzuerkennen was deine Eltern für dich getan haben, bedeutet doch nicht, sie von Verantwortung freizusprechen, oder? Schuld beinhaltet, dass jemand etwas wissentlich tut, um einem anderen damit zu schaden. Die wenigsten traumatischen Kindheitserlebnisse basieren auf Schuld. Eltern richten oft durch pure Unwissenheit oder Naivität Schaden in der Seele eines Kindes an. Die, die an die Öffentlichkeit getragen werden, sind oft nur die, die ausgesprochen brutal und oft voller Verachtung mit ihren Kindern umgehen. Doch die Masse derer, die traumatische Erlebnisse in sich tragen, haben sie nicht durch brutale Menschen erlebt.

      Sexuellen Missbrauch gibt es in jedem Alter. Dieser Arzt damals ist echt nicht ernst zu nehmen. Wenn dir in dieser Hinsicht etwas geschehen ist, was du nicht wolltest, was sich für dich unangenehm angefühlt hat und du keine Möglichkeit hattest, dich irgendwie davor zu schützen, aus welchen Gründen auch immer, dann spricht man von Missbrauch im sexuellen Bereich. Es ist völlig unerheblich wie alt du warst und wie entwickelt. Auch die Vergewaltigung einer erwachsenen Frau ist eine Form von sexuellem Missbrauch.

      • Danke.

        Und falls das nun wirkt als wenn ich ständig ein ABER finde… ich brauche das für mich, wirkt auf andere aber oft abschreckend. Mir hilft ein Aber klarer zu sehen.

        Zum Punkt sexueller Missbrauch…. ich empfand es klar als unangenehm und es machte mir Angst. Ich weiß aber leider auch noch, wie die Reaktionen des direkten Umfelds waren. Da zog man es ins lächerliche. Meine Mutter meinte ich sei selbst schuld usw.

        Mir fällt es eigentlich schwer anzuerekennen was meine Eltern für mich getan haben, denn im Endeffekt bleibt nur materielles und auch nur materielles was für sie von Vorteil war.

        Zum Thema Therapie…. ich tendiere persönlich mittlerweile ja eher zur Schematherapie, die leider vor Ort nicht angeboten wird. Die nächste Klinik, die das im stationären Setting macht… nun ja ein Vorgespräch gabs mal. Da wurde mir aber auch klar gesagt, wenn ich suizidal wäre, werde ich an den Wohnort verlegt. Der Arzt, der mich gerne in dem Programm gesehen hätte, sagte mir mehrfach, dass ich sein Versuchskanninchen wäre. Ich quasi eben das Programm testen sollte. Es gab noch andere Gründe die damals keine Möglichkeit schafften in das Programm zu kommen. Selbige Klinik wurde mittlerweile durch meine Ärztin kontaktiert, ob man mich als Akutfall mit akuter Suizidalität aufnehmen würde. Dazu gabs ein klares Nein und wenn ich komme, schickt man mich an den Wohnort zurück.

        Ich habe es nie erlebt, dass sich ein Therapeut oder Arzt oder sonstiger Behandler darum gekümmert hat, wenn Sachen aufgewühlt worden sind, die mich runter gezogen haben. Ich habe aber mehrfach erlebt, wie es ist, wenn man um Hilfe bittet und weg geschickt wird. Deshalb weiß ich nicht, wie was tiefenpsychologisches sich im ambulanten Setting auswirken würde.

      • Es ist schlimm, wenn Bezugspersonen so reagieren, und ich weiß, wie sehr sich solche Reaktionen in einem festsetzen. Doch ganz egal wie diese Menschen damals reagiert haben, was zählt ist alleine wie du es erlebt hast.

        Schematherapie ist mir ein Begriff, halte ich alleinstehend allerdings für wenig effektiv. Für mich sehe ich diese Therapieform eher als eine Herangehensweise, eine Sichtweise und Verstehen von Persönlichkeitsentwicklung. In der Praxis denke ich, dass es mit anderen Therapiemethoden kombiniert werden sollte.
        Versuchskaninchen hört sich schlimm an und wenig sinnvoll.

        Suizidalität ist grundsätzlich ein Problem wenn es um Therapie geht. Ganz egal ob ambulant oder stationär. Psychosomatische Kliniken verlegen immer bei akuter Suizidgefahr in die Psychiatrie, habe ich nie anders erlebt. In ambulanten Therapien kann das durchaus anders sein.
        Das generelle Problem dabei ist ja, dass Suizidabsichten ein Hinweis darauf sind, dass man gerade labil ist und etwas zu viel geworden ist, man sich ausweglos fühlt oder einfach ganz doll hilflos. In einem solchen Zustand geht es um Stabilisierung und Halt. Dafür braucht es aber eben auch sowas wie Vertrauen, wenigstens im Ansatz. Das wiederum kann aber nur dann da sein, wenn man sich auf Bindung einlassen kann.
        Viele Therapeuten und auch Kliniken arbeiten mit Non-Suizid-Verträgen, um eine Absprache zu haben, etwas woran die Klientin sich gebunden fühlen kann. Mir persönlich hat sowas nie geholfen. Aber wenn es zwischen mir und der Therapeutin Bindung gibt, die auf Zuneigung beruht, dann kann über Suizidgedanken gesprochen werden, dann können solche Phasen gemeinsam ausgehalten werden.
        Aber sowas muss sich eben über längere Zeit entwickeln, bis dann wirklich auch heftige Themen angegangen werden können.
        Leider finden sich nur sehr schwer Therapeuten, die bereit sind, sich darauf einzulassen. Ich selbst hatte auch viele Kämpfe auszustehen, bis meine Therapeutin aufgehört hat, jedesmal die Klinik ins Spiel zu bringen.

        Es gibt leider viele Therapeuten, die nur ihren Job machen. Die setzen voraus, dass du verantwortlich für dich bist und auch für das, was du in der Therapie besprichst. Also trägst du auch die Verantwortung, in die Klinik zu gehen wenn du suizidal bist.
        Es gibt aber auch andere, die sich einfühlen, die gewillt sind hinzuspüren und erkennen können was wirklich hinter den Suizidgedanken steckt. Denn wenn du immer wieder so reagierst, dann wäre eigentlich der erste Schritt der, herauszufinden wann du warum so reagierst. Denn wenn du das verstehen kannst, kannst du es auch besser aushalten. Und dann braucht es nicht mehr immer eine Klinik die Schutz gibt.

  3. No Suizidverträge würde ich generell nicht mehr unterschreiben. Denn ich antworte eh standardgemäss: Tag war gut, mir geht es gut, das Leben ist schön und ich kann mich glaubhaft von Suizidgedanken distanzieren. Egal ob das so ist oder nicht.Und leider würde ich diesen Satz auch runter rattern, wenn ich mit einem Behandler auf einem Dach stehen würde, bevor sich springen würde. Und ja ich bin kindisch usw.

    Was bringt aber die Verlegung auf eine Geschlossene, wenn der Patient nicht stabilisiert wird? So habe ich für mich eine Verlegung erlebt. Wenn überhaupt jemand mit mir sprach, wurden mir im Endeffekt Vorwürfe gemacht.

    Und was bringen solche Verträge oder Verlegungen auf Geschlossene Stationen, wenn die Patientin im Vorfeld mehrfach sagt wie schlecht ihr es geht und nachher eh gesagt wird, liebe Patientin Sie haben ja nie was gesagt, wir sind aus allen Wolken gefallen, dass sie von jetzt auf gleich Suizidgedanken hatten? Sorry das ich nur bitter lachen muss, wenn mir jemand sagt, das Personal muss sich schützen…. sorry in der Doku steht klar, dass ich vorher mehrfach um Hilfe gebeten habe, bzw. das irgendwas nicht stimmt. Wäre doch ein einfaches gewesen, mich gehen zu lassen, ich hätte einen Selbstmordversuch gestartet (vielleicht auch geschafft) und die Klinik wäre doch mit: Die Patientin hat NIE was gesagt raus gewesen….

    Ich habe lang an mir gearbeitet, mich einer Therapeutin anzuvertrauen. Die wahrscheinlich heute noch stocksauer ist, weil meine Suizidgedanken durch totschweigen nicht verschwunden sind und sie mich deswegen auf eine Geschlossene verlegen musste und das ja sooo viel Arbeit machte usw. Komischerweise auch eine der Personen, die immer wieder gesagt hat, ich hätte im Vorfeld ja NIE was gesagt. Komischerweise hat sie aber genau das dokumentiert? Komischerweise steht in meinem Entlassbericht, dass Tagebuchkarten ausgefüllt und besprochen wurden. Ich hab die noch aus dem betreffenden Zeitraum. Hätte sie die mit mir besprochen usw.

    Schematherapie ist an sich, dass man „alte“ Verhaltensmuster erkennt, weiß warum man so handelt und versucht das besser zu machen. Und ich habe eine Menge Dinge, bei denen ich „eigenartig“ reagiere, eben weil ich es nicht anders kenne.

    Suizidgedanken sind nur schwer auszuhalten. Aber das schlimmste an den Suizidgedanken ist das Wissen, in die einzige für mich zuständige Klinik darf ich nicht gehen und um Hilfe bitten. Denn da werden mir nur Vorwürfe gemacht, weil ich es wage Suizidgedanken zu haben, weil man dann ja Arbeit mit mir hat usw.

    Klar würde ich gerne verstehen, warum ich immer mit Suizid reagieren (btw. einfachste Interpretation wäre, ich flüchte damit)…. wenn ich aber immer im Hinterkopf habe, ich werde dafür bestraft, wenn ich Suizidgedanken habe, wird das nichts. Und ich bin nicht bereit das Risiko einzugehen. Und im Endeffekt, werde ich genau an diesem Konflikt ersticken :-(

  4. All das was du schreibst, kenne ich ausreichend. Ich selbst habe seit ich denken kann immer wieder erlebt wie mir angedroht wurde, mich wegzusperren, wenn ich so oder so denke, fühle, handle. Chronisch suizidal war eine Diagnose, die mir verpasst wurde. Ich kenne die Reaktionen überforderter Helfer. Verlegung auf die Geschlossene, Medikamente, Fixierung, Einsperren. Einzig in einer Klinik habe ich es anders erlebt, weil es dort eine Ärztin gab, die anders war. Dennoch hat es ja wenig geändert, weil die Klinik eben kein Zufluchtsort auf Dauer war und die Ärztin dann auch bei der nächsten Aufnahme nicht mehr dort gearbeitet hat.

    Auch auf die Gefahr hin, dass du dich nun von mir nicht ernstgenommen fühlst, möchte ich etwas fragen. Ganz bewusst direkt und ohne böse Hintergedanken, einfach weil ich es eine wichtige Überlegung finde. Und du musst auch nicht mir und vor allem nicht hier öffentlich darauf antworten. Nur für dich selbst vielleicht darüber nachdenken. Wenn ich lese, dass für dich das Schlimmste das Wissen darum ist, keine Hilfe bei Suizidgedanken bekommen zu können, weil du nicht in die Klinik kannst. Dann kommt in mir die Frage auf, ob alleine dieses Wissen Suizidgedanken besonders schlimm werden lässt? Und ob vielleicht Suizidgedanken ein Schrei nach Halt und Trost und Angenommen werden sind?
    Ich kenne dieses Gefühl, wenn auch anders. Ich habe keine Klinik, in die ich gehen kann, aus anderen Gründen als bei dir, dennoch ist aber das Ergebnis das gleiche. Es gibt keine Möglichkeit auf Hilfe. Und eine ganz lange Zeit hat dieser Umstand dafür gesorgt, dass Suizidgedanken sich dadurch verstärkt haben. Immer in dem Glauben, mir hilft keiner, mir glaubt keiner meine Not, es ist ausweglos.
    Es gab Situationen mit meiner Therapeutin (ambulant) per Telefon und während der Therapiesitzung, wo ich suizidal war und sie mir „mit Einweisung gedroht“ hat. Nun arbeite ich sehr intensiv mit meiner Therapeutin und konnte eine gute Bindung aufbauen. So ist es möglich, darüber zu sprechen und wir konnten gemeinsam Wege finden, wie wir mit solchen Situationen besser umgehen können. Allerdings ist es für mich auch so, dass ich eine Klinik generell als nicht hilfreich erlebe bei Suizidgedanken. Da kann ich Monate sein und letztlich bleibe ich suizidal, weil sich in mir nichts verändert. Und ich bin auch jetzt immer wieder phasenweise sehr suizidal. Aber ich verschließe mich nicht. Ich teile mich meiner Therapeutin mit. Nicht nur in der „Androhung von Suizid“, sondern mit dem was ich fühle und denke. Und damit schafft sie es auch, mich darin zu unterstützen, immer besser verstehen zu lernen, welche Funktion Suizidgedanken haben. Worum es dabei geht. Und wenn man das verstehen lernt, was die ganz eigenen wirklichen Gründe dafür sind, warum wann die Flucht in den Tod als mögliche einzige Lösung gesehen wird, dann kann man auch beginnen andere Wege zu versuchen.

    Nur dazu braucht es wirklich Bereitschaft von beiden Seiten. Die habe ich in Kliniken durchweg nicht gefunden. Und in ambulanten Therapien auch erst als ich bereit war den grausamen Schmerz in meiner Seele zu fühlen. Denn Suizidgedanken erscheinen mir als beste Möglichkeit, um nicht mehr fühlen zu müssen, erst recht nicht das, wovor ich so sehr Angst habe. Aber weißt du, das Fühlen, das muss man alleine machen, das Aushalten auch. Die Helfer können einem dabei nur die Hand reichen und immer wieder trösten und auffangen. Aber dafür müssen sie bereit sein, hinter die Fassade zu sehen. Und du musst bereit sein, sie dahinter blicken zu lassen. Das kann man nicht erzwingen. Bei niemandem. Und das geht auch nicht über den Kopf, sondern nur über das Gefühl.

    • Danke das du dich mit einer Engelsgeduld mit mir auseinander setzt!

      Ich finde es generell in Ordnung, wenn man sagt, dass man überfordert ist. Ich habe es leider fast ausschließlich so erlebt, dass man mir den schwarzen Peter zu schob. Ich könnte mit Offenheit besser umgehen… hier passt die Frage immer ganz gut: Wer will wen schützen?*g*

      Deine Worte zum Thema Suizidgedanken treffen zum Teil schon zu. Ich steigere mich da durchaus auch rein. Komme da aber auch alleine nicht raus. Was macht man dann? Man bittet um Hilfe…. nur darf ich ja nicht um Hilfe bitten. Bzw. passt mir die angebotene Hilfe nicht, die eben ein Aufenthalt auf einer Geschlossenen wäre. Mit Vorwürfen, weil ich krankheitstypisch reagiere.

      Ja ich würde mich gerne mal sicher fühlen. Du hast dafür nur andere Worte benutzt. Wobei mir Klinik nie richtig Sicherheit gab, was aber auch generell daran liegt, dass von Psychiatriepatienten Selbstständigkeit voraus gesetzt wird. Die sicherlich auch sinnvoll ist. Hier mangelt es zeitweise nur an der Umsetzung.

      Ich denke, da fehlt mir einfach was in meiner Kindheit. Gepflegt werden wenn man krank ist kenne ich gar nicht. usw

      Ich für mich habe es eben (beim letzten Klinikaufenthalt) so erlebt, dass ich eben meine Ängste (und Suizidgedanken) offen angesprochen habe, mehrfach klar weg geschickt wurde, ich entlassen werden sollte, obwohl ich alles andere als stabil war…. es dann eine Suizidankündigung brauchte, damit überhaupt was geschieht. Und nein ich habe die Suizidankündigung nicht gemacht weil ich Aufmerksamkeit wollte. Ich habe schlussendlich nur rein Fragen beantwortet. Es war mir an sich auch erstmal egal was passiert. Ich glaube mittlerweile ich habe die Fragen nur so offen beantwortet, weil ich Hilfe wollte. Das Aussprechen alleine ein Hilferuf war. Und von mir noch dazu ein Vertrauensbekenntnis, wie ich es sonst noch nie gemacht habe. Und ich wurde wieder weg geschoben… nur dieses Mal auf eine Geschlossene, deren Behandlung sich aus Ignoranz, Ablehnung und Vorwürfen zusammen setzte.

      Ich denke schon, dass Psychiatrie helfen können bei Suizidgedanken zu helfen und zu stützen. Allerdings denke ich auch, dass das deutsche Gesundheitssystem da keinen Platz mehr für bietet? Bzw. die Klinik vor Ort auch eindeutig auf Profit ausgelegt ist.

      Ich habe Suizidgedanken nicht immer als Flucht vor den Gefühlen erlebt. Oftmals wurde mir erst später bewusst, dass ich Angst hatte, die ich nicht benennen konnte und mir erst viel später bewusst wurde, ich habe Angst vor meiner Suizidalität.

      Die Bereitschaft und das Gefühl mich jemand anvertrauen zu können…. nun ja ich habe Anna knappe 3 Jahre gekannt und viel Zeit damit verbracht ihr zu vertrauen. Nun ja, aus dem Vertrauen wurde nichts Gutes und es ist eine der Entscheidungen, die ich in meinem Leben bitter bereue. Vor allem wenn immer noch im Raum steht, dass die Klinik (und in dem Fall eben auch Anna) mir klar gesagt hat, ich hätte das nie sagen dürfen. Was für mich nur die Schlussfolgerung zulässt, ich hätte schweigen sollen und mir das Leben nehmen sollen. Denn dann ginge es allen (inklusive mir) besser.

      • Ich setze mich gerne mit Dir, oder besser ausgedrückt, mit dem auseinander was dich bewegt. Klingt komisch, oder? Diese Auseinandersetzung ist auch ein Herantasten an mein eigenes Unbewusstes. Denn was ich durch den Austausch mit dir verstehe, kann ich auch bei mir selbst immer etwas besser verstehen.

        Ein Halbsatz in all den Sätzen, die du in deiner Antwort geschrieben hast, hat mich tief berührt, und hättest du ihn mir ins Gesicht gesagt, ich hätte wohl darauf ein „ja, ich weiß“ geantwortet und gefragt, ob du vielleicht mal gehalten und getröstet werden möchtest. Einfach so aus meinem Bauch heraus wäre es mir so gegangen.
        Ich kenne die Angst vor der eigenen Suizidalität. Ich weiß, wie schlimm es sich anfühlt, wenn man um Hilfe ruft und immer nur weggeschoben und alleingelassen wird. Und ich selbst weiß allzu oft nicht wohin mit meiner Angst wenn die Suizidgedanken so schlimm werden, dass nicht mehr geglaubt werden kann, dass sie überlebt werden und wieder aufhören können.

        Ich habe keine Ahnung, was konkret es ist, was die Menschen in deinem Umfeld so reagieren lässt, weil ich sie nicht kenne. Doch ich habe Ideen, was Menschen in meiner Umgebung immer wieder so reagieren lassen hat. Manche waren sicherlich einfach überfordert und haben „Dienst nach Vorschrift“ gemacht. Viele haben sich selbst versucht zu schützen, indem sie sich gar nicht erst näher mit den Hintergründen meiner Suizidalität befasst haben. Sie haben mich verwahrt, in dem Glauben, es würde schon besser werden, wenn man mich vor mir schütze. Manchmal scheint das auch bei suizidalen Menschen zu helfen, weil sich mit der Zeit die Sichtweise auf die Dinge verändern kann, und eben auch die Gefühle. Bei Menschen, die ihre eigene Suizidalität als bedrohlich empfinden, verstärkt diese Vorgehensweise die empfundene Not. Und dann gibt es die Helfer, die Angst vor der Verantwortung haben, Angst davor, es nicht zu schaffen, einen Suizid zu verhindern. Und es gibt die, die suizidale Äußerungen von Menschen die immer wieder suizidal sind, als Drohung empfinden, als Erpressung um Aufmerksamkeit und einfordern von „elterlicher“ Versorgung.
        Ich mag dir schreiben, wie es bei mir ist, was ich heute darüber weiß, warum ich suizidal werde und was bisher hilft. Ich möchte das nicht schreiben, um meinen Mist auf dich zu laden, sondern um aufzuzeigen, dass es möglich ist, einen anderen Umgang mit chronischer Suizidalität zu finden.

        Oft sind es Situationen, Momente, die in mir ein Gefühl von Ausweglosigkeit auslösen. Momente, die unbewusst erinnern an Situationen meiner Kindheit, in denen ich Trost und Halt gebraucht hätte, jedoch abgewiesen, allein gelassen oder weggeschickt wurde. Denn ein Kind braucht die Erfahrung, liebevoll gehalten und getröstet zu werden, Beruhigung durch eine Bezugsperson zu erhalten. Das braucht ein kleines Kind, um überhaupt so etwas wie Selbstberuhigung entwickeln zu können. Denn das ist nicht angeboren. Es wird durch Bindung an Bezugspersonen innerhalb der ersten drei Lebensjahre erlernt. Leider eine Zeit an die man sich kaum bis gar nicht erinnern kann. Somit weiß man oft auch nicht was da wirklich geschehen ist. Aber die Folgen die hat man. Ich habe sie unter anderem dadurch, dass ich immer dann mit Suizidalität reagiere, wenn ich mich überfordert fühle mit mir selbst und meinem Leben. Eine Folge daraus, dass da nie jemand war, der mich lernen lassen hat, wie es geht, sich beruhigen zu können.
        Wenn dann nun heute auf Suizidalität mit wegsperren, abschieben, totschweigen etc. reagiert wird, wiederholt sich das alte Muster. Und die Suizidalität bleibt bestehen.
        Ich habe mit meiner Therapeutin diese Momente gehabt. Einer blieb besonders in Erinnerung. Sie war völlig überfordert, wusste sich keinen anderen Rat mehr, als mich einzuweisen und gleichzeitig war ihr klar, dass sie damit mein Vertrauen zerstören würde. In panischer Angst habe ich mich so vor ihr Telefon gestellt, damit sie keine Chance hatte, einen Anruf zu tätigen. Sie wurde wütend und ich noch panischer. Bis ich in Ihren Augen Angst erkennen konnte und auf einmal begriff, dass etwas anders ist als früher. In dem Moment konnte ich spüren, dass sie wirklich Angst um mich hat. Sie hat nie wieder mit einer Einweisung gedroht. Es war ihr auch sehr unangenehm, dass sie sich so überfordert und zickig gezeigt hat. Sie hat sich unzählige Male dafür entschuldigt. Doch sie hat in der Folge ganz oft mit großer Anspannung und innerer Not ausgehalten, wenn ich suizidal war und sie mich so nach Hause hat gehen lassen. Und dennoch hat sie es getan, nur ihr Bauchgefühl, dass ich es schaffen würde, hatte sie als Sicherheit.
        Für mich aber ist es unersetzbar, dass sie mich aushält, mich nicht wegschickt, ihre eigene Angst um mein Leben aushält. Alleine dadurch schaffe ich es, mit ihr hinsehen zu können, was hinter der Suizidalität steckt. Und damit können wir gemeinsam anders damit umgehen. Und manchmal geht es wirklich nur darum von einer Minute zur nächsten und wieder nächsten und wieder nächsten auszuhalten. Manchmal tagelang nur von einer Minute zur nächsten. Doch irgendwie gelingt es, weil ich weiß, dass sie wieder da sein wird und ich Halt fühlen kann.

        Weißt du, Suizidalität die Angst macht, zeigt doch deutlich den Weg, wenn man ihn nur sehen könnte. Könnte es sein, dass es die Ausweglosigkeit ist, das nicht wissen, wie es anders auszuhalten gehen könnte, nicht zu wissen wie es besser werden könnte, was den Kreislauf aus Suizidalität, Hilflosigkeit und Angst aktiviert?

        Es ist nicht falsch, in deinen Worten zu sagen was du empfindest. Und wenn du es nicht anders benennen kannst als mit Suizidalität, dann ist das erst mal so. Dumm ist es von den Helfern, die sich nicht bemühen wollen, mit dir herauszufinden, was wirklich dahinter steckt. Denn es gibt durchaus Menschen, die hinter deinen Worten erkennen könnten was deine wahre Not ist. Nur darfst du nicht die Hoffnung aufgeben sie zu finden und nicht den Mut verlieren, immer wieder nach diesen Menschen zu suchen.

        Erst kürzlich habe ich recht gute Videos und Texte zum Thema Entwicklungstrauma im Internet gefunden. Ich mag hier nichts davon verlinken, weil die betreffenden Autoren und Selbstdarsteller mir zu viel Eigenwerbung betreiben. Aber wenn es dich interessiert, gibt es einiges ganz brauchbares unter dem Begriff Entwicklungstrauma zu finden.

  5. Nein das klingt nicht blöd, ich kann das nachvollziehen. Auch ich kenne virtuell Menschen, mit denen ich ähnlich kommuniziere wie du mit mir, wenn auch in anderen Formen. Und auch mich bringt das irgendwie ein Stück weiter :-)

    Es tut irgendwie gut zu wissen, dass es auch andere Menschen gibt, die ähnlich empfinden und ich mir mit mir und meinen Gedanken, Spleens usw. nicht so alleine vor komme. Btw. die einzige positive Erfahrung die ich aus einer Skillsgruppe mitnehmen konnte.

    Ich kann verstehen, wenn man mit mir überfordert ist. Das war ein Grund, warum ich den professionellen Weg gegangen bin, weil ich die Last nicht mehr auf den Schulter meiner „Freunde“ lasten lassen konnte. Leider erwarte ich von professionellen Personen durchaus, dass sie mir eben helfen und mich nicht wortlos abschieben. Und genau das ist eben immer wieder geschehen. Und leider immer in der Form das man mir Vorwürfe gemacht hat. Aber von mir eben erwartet wird, dass ich Probleme anspreche usw. Warum kann man das als Mensch, der mit psychisch kranken Menschen arbeitet nicht? Bzw. wurde mir auch schon fast wortwörtlich gesagt, dass ich dafür Sorge tragen muss, dass es meinen Behandlern mit mir gut geht. 1. bin ich damit überfordert, 2. ist es nicht mein Job und 3. kann das nur klappen, wenn man sich gegenseitig vertrauen kann. Ich soll vertrauen, aber mich belügt man offen?

    Du hast die Situation mit deiner Therapeutin für mich sehr nachvollziehbar beschrieben. Weißt du, wenn ich gemerkt hätte, dass man sich Sorgen um mich macht, hätte ich vielleicht auch anders gehandelt. Und ich habe da leider durchaus schon ein Gespür Sachen zu spüren, die man an sich vor mir verbergen will. Aber das Gefühl hatte ich in keinem Moment. Bzw. die Therapeutin hatte Sorge, dass ich ihr Böse bin, weil sie mich verlegt hat. War ich in dem Moment nicht…. da wusste ich ja auch noch nicht, wie man mit mir umgehen wird, bzw. eben nicht umgehen wird. Ich habe durchaus gespürt, dass die Therapeutin im weiteren Verlauf z.B. nicht gut fand, dass an meinen Medikamenten nichts geändert wurde. Aber ich saß da bereits seit fast 4 Tagen ohne richtiges Gespräch dort und sie setzt sich hin, blättert in meiner Akte und fragte dann mich, warum man an meinen Medikamenten nichts geändert hat.

    Heute denke ich, sie hat die Grenzen nicht eingehalten (vielleicht auch aufgrund der mangelnden Erfahrung nicht einhalten können?) und kam halt zur Therapie auf die Geschlossene und hat gedacht, sie kann mit mir plaudern, wie mit einer gleichaltrigen Freundin? Sie hat nicht bemerkt, dass ich gerade emotional auf dem Stand eines Kindes war. War sauer weil ich nicht erwachsen agierte usw.

    Leider bringt mich die Erkenntnis nicht weiter. Zu meiner Betreuerin habe ich mal gesagt, als sie mich am liebsten in einer Klinik gesehen hätte, ob die Horrorklinik noch einen Therapeuten hat, den ich ausbilden soll. Und ganz ehrlich? Das war ja nicht die einzige schlechte Erfahrung die ich genau in dem Haus mit Personal gemacht habe, welches entweder noch in der Ausbildung war oder diese kurz zuvor beendet hat und die sich eben nicht an diverse Regeln hielten und ich es ausbaden durfte. Immer begleitet von Vorwürfen, was für ein böses Kind ich doch sei. Ich habe keinen Bock mehr darauf.

    Ich denke, irgendwie ist Auslöser für Suizidgedanken oftmals irgendeine Form von Perspektivlosigkeit. Respektlosigkeit fiel mir eben noch ein…. so Situationen wie z.B. mit meinen Vermietern. Oder auch mit meinem Vater, in denen er mich eben ohne Respekt behandelt. Dann denke ich, denen ginge es besser ohne mich.

    Und ja mir würde es wahrscheinlich helfen, wenn mich mal jemand bildlich gesprochen in den Arm nimmt. Mir Halt gibt.

    Und noch mal Danke für Deine Geduld!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s