Gute Vorsätze [short stories #1]

Hier Short Stories wurde die Aktion Short Stories gestartet. Jeden Monat Geschichten zu einem vorgegebenen Thema. Für Januar das Thema Gute Vorsätze und hier mein Beitrag dazu.

Short Stories 2014 – Gute Vorsätze

Rückblende

2009 ein Jahr welches geprägt wurde durch den Wunsch meines Vaters, seinen 65. Geburtstag mit seinen Kindern zu verbringen. Soweit an sich in Ordnung. Nur wollte er auf keinen Fall am Wohnort feiern, sondern verreisen. Ich davor nur Panik hatte, aber zumindest am Anfang noch zu Kompromissen bereit war. Also näher am Wohnort. Kommentar meines Vaters dazu: Es ist sein Geburtstag und er sucht aus! So in der Art.

Hinzukam, dass ich keinen Cent hatte. Er gleich sagte er kommt für alles auf. Ich ihn aber auch kenne. Hätte wahrscheinlich geheißen, ich schlafe mit ihm in einem Zimmer. Was ich absolut nicht wollte. Auch hatte ich wenig Lust dem zu erwartendem Besäufnis bei zu wohnen.

Je näher der Geburtstag kam, umso größer wurde der Druck. Ich war zu keinen Kompromissen mehr bereit. Er bestand weiter drauf, dass er seine Tochter an seinem Geburtstag in den Arm nehmen will. Ich kochte immer mehr innerlich, denn ich wusste, würde Mama noch leben würde er keinen Gedanken an uns Kinder verschwenden.

Schon wenige Wochen vor dem Geburtstag wurde klar, ich brauche einen stationären Aufenthalt in einer Psychiatrie. Zwangsmaßnahmen konnte ich bis da aus dem Weg gehen. Aber da ja nun Weihnachten auch nahte, Weihnachten für mich die Hölle ist, drängte es langsam. Es war dann auch absehbar, ich würde schon zum Geburtstag meines Vaters in einer Klinik sein. Was sich dann doch verschob.

Bis kurz vor seinem Geburtstag Ende November drängte er. Bis hin zu so Sprüchen: Hast du mich denn nicht mehr lieb? Da stehe ich total drauf. Klar habe ich ihn lieb, bin aber nun mal aufgrund meiner psychischen Erkrankung eben nicht mehr so flexibel. Wobei ich meine Familie aus dem Thema generell raus ließ.

Der Geburtstag war rum, ohne dass ich mit verreist war. Dafür befand ich mich kurze Zeit später auf einer offenen psychiatrischen Station und es war absehbar, beziehungsweise geplant, diese vor dem neuen Jahr auch nicht wieder zu verlassen.

Der Aufenthalt generell nicht der Hit war. Mir fiel es schwer mit dem Team warm zu werden und das Team machte mir die Arbeit auch nicht leichter. Ich generell eher schweigsamer wurde. Wir den Noro-Virus auf Station hatten, der sogar eine Zimmerquarantäne nötig machte und die Station so aber zumindest nur knapp belegt war. Mein Bruder zum Jahresende noch heiratete. Mein Vater zur Hochzeit krank war und versuchte die Grippe mit Hustenbonbons in den Griff zu bekommen und sich halt irgendwie dorthin schleppte.

Nach der Hochzeit, bei der er stinknormale Paracetamol meiner Schwägerin annahm, die er von mir verweigerte hatte, rief mich mein Vater an. Es ginge ihm besser und so weiter. Für mich waren die Stunden vorher die ersten Stunden seit Jahren, in denen ich wieder Mut fasste und Vorsätze für das neue Jahr und mein Leben hatte. Vater nur so, er will im nächsten Jahr mit mir verreisen. Ich nur so, ich will das nicht. Er redete endlos auf mich ein und die Ärzte würden das sicherlich auch gut finden etc. Ich habe ihm wie oft gesagt, ich will das nicht. Er war weiter von seiner tollen Idee überzeugt.

Für mich brach die Welt zusammen. Ich war so froh das sein Geburtstag rum war und das Thema gemeinsame Reise vom Tisch war. Nun sollte das nächste Jahr wieder damit beginnen, dass er mich damit wieder pausenlos unter Druck setzt? Und das ganze über mindestens 12 Monate?

Silvester. Am Morgen Gruppenvisite. Wir, ein paar wenige Patienten, zwei Schwestern und die Stationsärztin sitzen zusammen im Aufenthaltsraum und es erzählt jeder so wie es einem geht, wie er dem neuen Jahr entgegen sieht und so weiter.

Meine Mitpatienten sind in freudiger Erwartung. Im neuen Jahr wird alles besser, alles toller, es wird sich so viel verändern. Nur ich sitze da, schweige, werfe dem Team Brocken hin. Ich mache alles um die anderen in ihrer freudigen Stimmung nicht mit runter zu ziehen. Dabei habe ich Angst vor dem neuen Jahr. Vor den Erwartungen meines Vaters, der ein Nein nicht akzeptieren kann. Habe Angst nun 12 Monate regelmäßig die Diskussion zu führen. Mir immer wieder anhören zu müssen, ob ich ihn nicht mehr lieb habe. Ich für mich da keinen Zusammenhang sehe. Immer depressiver werden würde. Mal wieder nur Suizid als Ausweg sehen werde…..

Das neue Jahr wurde keine 8 Tage alt, bis man mich nicht ganz freiwillig auf eine geschlossene Station verlegte und mir bis heute Vorwürfe macht, weil ich doch tatsächlich und absolut krankheitstypisch Suizidgedanken hatte und um Hilfe gebeten hatte.

Seit den Ereignissen gehe ich Vorsätzen für das neue Jahr aus dem Weg. Aus meinen Vorsätzen, dass sich im neuen Jahr mal was bewegt wurde erst mal wieder Angst vorm Vater, dann extreme Suizidgedanken, Tage die ich mit dem Schreiben eines Abschiedsbriefes in der angeblichen Sicherheit einer Psychiatrie zubrachte und es keiner merkte und dem Abgeschoben werden, weil ich Suizidgedanken hatte. Bis heute belasten mich die Vorwürfe. Für mich ist aus diesen Vorsätzen geworden, dass ich jedem Behandler immer wieder versichere, dass der Tag gut war, es mir gut geht und ich mich glaubhaft von Suizidalität distanzieren kann. Wie eine Schallplatte und mit meinen Suizidgedanken bleibe ich allein, wissend, dass die Klinik vor Ort mich damit ungerne behandeln wird, aber nur diese Klinik mich aufnehmen darf.

Und so beginne ich auch das Jahr 2014 wieder mit dem Wissen, ich darf nicht um Hilfe bitten.

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