ER

Irgendwie habe ich ihn verdrängt, obwohl er irgendwie auch mein Leben ein wenig geprägt hat und die Erinnerungen nicht gerade toll sind. Ich zu ihm auch ziemlich viele schräge Gedanken habe.

Mit 16 begann ich eine Ausbildung. Etwa ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn begann es zwischen mir und meinen Eltern zu kriseln. Vielleicht weil ich merkte, das eben nicht alles normal war? Ich weiß es nicht. Kurze Zeit später baten mir meine Ausbilder an, ab und auch Abends auszuhelfen. Das machte mir dann an sich auch Spaß und ich fühlte mich eigentlich dort auch wohl. Außerdem brachte es ein paar Euro.

Der Betrieb lag außerhalb. Nachts fuhren zwei, manchmal drei Mal die Stunde ein Bus in die Stadt. Der fuhr noch dazu ewig, weil er überall hielt. So empfand ich es damals. Mit dem Wissen von Heute würde ich Bus fahren.

Damals war auch immer ein Freund meines Chefs anwesend. Der fuhr eh über die Stadt nach Hause und nahm mich mit. So war ich in guten 10 Minuten daheim. Meine Ausbilder waren froh das ich sicher daheim war. Nur fing ER immer an mich zu betatschen. Im Schritt. Ich wollte das gar nicht und es fühlte sich auch nicht gut an. ER selbst war auch alles andere als mein Typ.

Wobei ich eher wenig an Jungen interessiert war. Das ging irgendwie ganz an mir vorbei. Klar habe ich für Jungen geschwärmt. Aber mehr Interesse hatte ich damals nicht. Heute vermute ich, dass ich da in der Entwicklung einfach zurück war. Wobei damals nicht alle meine Altersgenossen einen Freund hatten. Also noch nicht wirklich unnormal.

Ich erzählte davon irgendwann meiner Chefin. Die war total sauer, wie ich so was von einem solchen rechtschaffenen Menschen erzählen könnte. Nie würde ER so was tun. Als ich es irgendwann noch mal erwähnte glaubte man mir. Denn ich galt als ehrlich. Was mir nur nicht viel brachte, denn mein Chef fand das eher witzig. Und weiter waren meine Arbeitgeber froh, dass ihr minderjähriges Lehrmädchen gut heim gebracht wurde.

Meine Mutter wusste davon. Gemacht hat sie nichts. Sie war eher der Meinung, ich kann ja mit dem Bus fahren oder mir eben von den paar DM die ich Abends verdiente ein Taxi leisten. Das Vatern mich holte war ein Ding der Unmöglichkeit. Dann hätte er ja auf sein Bier verzichten müssen. Damals war das alles logisch für mich. Heute denke ich darüber anders. Denn ich war nun mal noch minderjährig. Noch dazu nicht aufgeklärt usw. Kann auch hier meine Ausbilder nicht verstehen, die sonst auf ihre Fürsorgepflicht so viel Wert legten.

An sich fuhr er wie der Bus eben auch. So wusste ich an sich, ich kann jederzeit aussteigen. Was ich aber nie tat. Einmal fuhr er vollkommen anders und das hat mir total Angst gemacht. Ich hab zwar mit meiner Mutter drüber gesprochen, dass sie eben wenn nicht heim kommen würde meine Ausbilder fragen würde….. aber mehr eben nicht.

Mein erstes Mal hatte ich mit 31 Jahren. Auch nur um es hinter mich zu bringen. Mehr als Anfassen hat ER nie gemacht. Trotzdem hat es mich geprägt. Alles in allem fällt er mehr in die Kategorie fett, fettig und hässlich. Zumindest empfand ich ihn als eklig. Auch wenn ich sonst eher nicht so krass über Menschen urteile.

Als klar war, dass ich evt. doch meinen beruflichen Weg nicht weiter gehen mag, suchte sein Arbeitgeber Auszubildende. ER hätte mir geholfen eine Stelle zu bekommen. Wahrscheinlich im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten. Ich habs damals gelassen. Ich wäre heute Beamtin. Aber der Preis war mir zu hoch.

ER begleitete meinen Weg noch eine ganze Zeit lang. Auch als ich schon volljährig war. Ich glaube ich habe es damals als normal empfunden, dass ältere Männer Frauen im Intimbereich oder an der Brust anfassen. Heute weiß ich, dass ich viel früher hätte lernen müssen, dass man sich bei so was wehren kann. Vor allem wenn man es als unangenehm empfindet. Und ich würde es heute sicherlich immer noch mit mir machen lassen?

Er ist tot, wie ich heute erfahren habe. An sich trifft es mich, wenn jemand stirbt, den ich näher kannte. Aber ich empfand nichts. Ein wenig ein Gefühl von geschieht ihm recht. Die Traueranzeige ist der reinste Hohn. Noch dazu weiß ich, dass ich nicht die Einzige war, die von ihm betatscht wurde.

Ich habe mal mit besagten Oberarzt über die Geschehnisse gesprochen. Er nannte es nur sexuell übergriffig. Reicht das wirklich? Ich finde es klingt nur niedlich. Denn es hat mich eben geprägt und auch ein wenig geformt. Und ich weiß, dass ist sicherlich für viele Missbrauchsopfer ein Schlag ins Gesicht. Ich wünsche mir manches Mal es wäre mehr passiert. Dann hätte ich was in der Hand. Dann könnte ich meine Borderline Diagnose auf sexuellem Missbrauch begründen. Aber auch hier ist es wie bei allem anderen auch, ich habe nur ein Teil von dem was wirklich alles ist. Klingt doof. Ich finde es frustrierend. Und ich kann das auch gerade nicht wirklich klar beschreiben. Ich entschuldige mich aber bei allen Opfer von sexuellem Missbrauch!

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