Geschichten aus der Psychiatrie 1

Gestern rief mich ein Ex- Mitpatient an, zu dem lange Zeit eine engere Bindung bestand. Der Kontakt ist loser geworden, was sicherlich auch seine Vorteile hat. Ich nenne ihn mal Klaus, denn ich denke, ich werde öfters von ihm schreiben.

Klaus geht auf die 50 zu, was man ihm eigentlich nicht ansieht. Klaus ist Alkoholiker mit einer psychischen Erkrankung, die aber in der örtlichen Psychiatrie nicht wirklich behandelt wird. Meistens ist er nur zum Entzug dort und wird so schnell wie möglich wieder entlassen. Ich lernte ihn als hochgebildeten Mann kennen. Merke aber immer mehr, welchen Schaden der Alkohol bei ihm anrichtet. Zeitweise war er mehr in der Psychiatrie zum Entzug als daheim

Klaus lebt bei seinen Eltern. Beide recht alt. Vater ein Pflegefall, der im Heim lebt. Mittlerweile hat selbst Klaus eingesehen, sein Vater wird nie wieder nach Hause können. Die Mutter ist, entsprechend dem Alter, auch nicht mehr wirklich mobil und baut mächtig ab. Er trägt also nicht nur die Verantwortung für sich, sondern kümmert sich eben um die Eltern. Außerdem hat Klaus eine Freundin, die von den Eltern nicht akzeptiert wird und die er außerhalb der elterlichen Wohnung treffen muss. Noch dazu ist die Freundin auch nicht gesund. Da trägt er auch einen Teil der Verantwortung.

Klaus erzählt gestern, wie sehr ihm gerade mal wieder alles über den Kopf wächst. Vor allem wohl die Situation mit seinen Eltern. Die ist aber Thema, seit dem ich ihn kenne. Da gab es immer Probleme und Spannungen und er kann sich nicht distanzieren und fühlt sich noch dazu eben verantwortlich.

Irgendwann meinte Klaus gestern zu mir, ob ich ihm zutrauen würde, dass er seiner Freundin Schaden würde? In Richtung Gewalt antun würde. Ich nur so nein. Selbst ich, die engere Freunde schon mal liebevoll provoziert, hätte nie Angst vor ihm gehabt. Er wäre der friedliebende  Mensch den ich kenne.  Und dann erzählte er eine Story, die mich auf der einen Seite sprachlos macht, aber auch wütend und die mir klar auch Angst macht.

Seine Freundin war vor kurzem im Krankenhaus. Auf einer anderen Station im Haus und wurde da wohl auch operiert. So machte Klaus einen Spagat zwischen Eltern und Freundin. Sowohl Klaus, wie auch seine Partnerin, sind allerdings in der Psychiatrie bekannt.

Nun ging er mit seiner Freundin rund um die Klinik spazieren. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten muss man an der Psychiatrie vorbei. Was für beide an sich kein Problem ist. Plötzlich muss einer der Stationsärzte auf das Paar zugestürzt sein. Man sah Klaus wohl auch eindeutig an, dass es ihm ziemlich mies geht. Die Freundin sah auch nicht besser aus. Man warf aber Klaus nun vor, er würde seiner Freundin körperliche Gewalt antun und nur das wäre die Erklärung für u.a. den Beutel Blut den sie mit sich trug (irgendwie so nen Beutel, wo Wundflüssigkeit abläuft?). Er müsse sofort mitkommen, die Freundin müsse ja geschützt werden.

Klaus versuchte mehrfach dem Arzt klar zu machen, dass dieser doch bitte auf der Station anrufen soll, auf der seine Freundin zur Zeit untergebracht ist. Was ihm nicht geglaubt wurde. Beide zwar freiwillig mitgingen – was blieb ihnen auch anderes übrig. Klaus durch Security-Personal von seiner Freundin abgeschirmt wurde. Bis irgendwann wohl endlich ein Pfleger sich traute den Mund aufzumachen und anmerkte, dass Klaus seiner Freundin nie was antun würde. Woraufhin man dann wohl auch endlich auf besagter Station anrief.

Der Arzt hat sich zwar bei Klaus entschuldigt, was ihm aber absolut nichts mehr bedeutet und ich kann das verstehen. Ist es wirklich nötig, so mit psychisch kranken Menschen umzugehen? Muss man psychisch kranke Menschen so aburteilen? Kann man ihnen nicht einfach mal zuhören? Dann wäre die Situation innerhalb weniger Minuten geklärt gewesen.

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