Anna und der Tod

Irgendwie ist der Titel gerade passend, aus so vielen Gründen.

Als ich Anna damals kennen lernte, war der Auslöser für den Klinikaufenthalt an sich massive Suizidgedanken. Meine Mutter war ein paar Wochen vorher gestorben. Was mich sehr belastet hat. U.a. auch, weil sie lange krank war und für alle aber eher plötzlich starb. Für mich war es nicht so plötzlich. Aber das ganze drumherum. Inklusive diverser indirekter Vorwürfe, dass sie ja nur wegen mir so krank war. Das sie nur wegen mir in einem Hospiz war. Und so weiter. Und ich schon Monate vor ihrem Tod an sich darüber nachdachte, wenn sie geht, gehe ich auch. Was im Endeffekt auch halbwegs Auslöser war, dass es überhaupt eine Diagnose gab.

Ich kam also in das Krankenhaus, wegen meiner Suizidgedanken- gekoppelt mit der Trauer um meine Mutter. Ich, ein eher misstrauischer Mensch, der zugleich auch absolut naiv ist. Aber an sich wenig von mir Preis gab. Hinzu kamen die schlechten Erfahrungen von meinem Psychiatrieerstkontakt.

Ich durfte während des Aufenthalts auch einen Aufsatz schreiben zum Thema, was ich meine Mutter gerne noch fragen würde. Ergebnis des Aufsatz war, ich kann es nicht ändern. Im Endeffekt Annas Aussage. An der ich zerbrach und ihr gegenüber das Thema nie wieder ansprach.

Schnell war klar, ich habe Suizidgedanken. Die waren dann auch Thema beim zweiten Aufenthalt. Zu dem war ich ja an sich zur Therapie. Anna kannte ich. Anna vertraute ich halbwegs. Anna war nett. Anna nahm sich Zeit. Rückblickend betrachtet, hat sie enorm viel Zeit bei mir verbracht.

Ich wusste damals nicht, wie ein Aufenthalt in der stationären Psychiatrie abläuft. Aber es dauerte nicht lange, bis sie mir vorwarf, sie würde ja mehr Zeit bei mir, als bei anderen zubringen. Bzw. andere bekommen nicht so viele Gespräche. Woher hätte ich das wissen sollen? Ich ging ja davon aus, das ist ein Krankenhaus, die machen das schon.

Den Aufenthalt durfte ich ebenfalls mit einem Aufsatz beginnen. Thema war, warum ich sterben möchte. Ich brachte es damals auf um die 14 Seiten- handschriftlich. In den Wochen vor dem Aufenthalt dachte ich generell viel über den Tod nach. Das nicht mehr Leben wollen. Hatte in dem Zusammenhang dann auch eine Pro- und Kontraliste angefangen. Auf der Liste für den Tod standen damals über 30 Gründe. Aber ich fand nur 3 oder so, die dagegen sprachen. Beides lag Anna damals vor.

Ich vermute, Anna hat alles gelesen. Zumindest steht in dem Aufsatz eine Frage von ihr. Darüber gesprochen haben wir nie. Auch hier dachte ich, wird schon seinen Grund haben. Konnte es mir bei folgenden Aufenthalten auch nicht verkneifen, eben zu „erwähnen“ (ok sticheln trifft es eher), dass man mit mir darüber nicht gesprochen hat.

Während einer meiner „Fragen“, warum das nie besprochen wurde, schallte mir ein, wir hätten das besprochen entgegen. Ich würde das weiter abstreiten. Und ich würde mir wünschen, wir hätten darüber gesprochen. Würde manches vielleicht erleichtern. U.a. auch, dass von allen Seiten natürlich davon ausgegangen wird, das Thema ist ausführlich behandelt worden.

Ich merkte bei dem zweiten Aufenthalt schon, da ist irgendwas anders. Die Sache wurde mir nicht gerade erleichtert. Ich darf ruhig den kleinen Finger nehmen und so weiter. Nach dem Aufenthalt war mein komplettes damaliges ambulantes Netz im Urlaub und Anna bot mir Telefonate an. Die ich ablehnte. Einfach weil es mir peinlich war, glaubte ich damals. Sie drängte sie mir dann regelrecht auf. Und ich lebte nur für diese Telefonate. Die waren heilig. Mehr als heilig.

Als meine ambulante Therapeutin aus dem Urlaub wieder da war, wusste ich, meine Gefühle für Anna sind anders. Wusste auch, das muss ich in der Therapie ansprechen. Schämte mich. Sagte den Termin ab. Den nächsten dann auch. Was meine ambulante Therapeutin nur mit einem, sie streicht mich, denn sie hat ja wegen mir und auf meinen Wunsch eine festen Termin gemacht. Was nicht den Tatsachen entsprach. Ich soll mich melden, wenn ich wieder einen Termin will.

Ich musste mich melden, weil die Krankenkassenkarte noch nicht eingelesen war. Da sagte ich ihr auch (ich war nur zum Karte einlesen dort), dass ich ihre Art nicht gut fand. Daraufhin gab es einen Termin zur Klärung. Der ziemlich mies verlief.

Mich beschäftigt Anna weiterhin sehr. Und so ausführlich und doch nicht zu sehr ins Detail gehend, habe ich darüber auch noch nie geschrieben. Ich wünschte mir so sehr, sie hätte unter anderem mal über Suizidalität mit mir gesprochen. So richtig. Immerhin hatte sie mir damals nicht verboten darüber zu sprechen. Das hatten vorher andere. Sie war der erste Mensch der mir sagte, ich darf über Suizidalität sprechen. Sie ist leider auch der einzige Mensch aus dem Bereich der Psychiatrie, der das je zu mir gesagt hat.

Ich wünsche mir so sehr zurück, wie ich Anna damals erlebt habe. Ihre Ruhe, die sie ausstrahlte. Das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das Gefühl, reden zu dürfen. Und mich sicher zu fühlen.

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